Die Abenteuer der Schleicherbande

– in weiß-blau und andersfarbig

Quark

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„Was ist das?“ frage ich in die Runde.
Jonas zu meiner rechten betrachtet die Tupperware-Schüssel interessiert und richtet sich auf. Es ist nicht überraschend, dass er die Frage gleich richtig und in einem ganzen Satz beantwortet. „Das ist eine Schüssel!“ sagt er.

„Sehr gut!“ lobe ich und frage die anderen: „Und welche Farbe hat die Schüssel?“
„Sie ist pink!“ behauptet William. Nun gut … das mit der Farberkennung ist nicht jedermanns Sache. „Nein!“ widerspricht sein Nachbar schnell. „Das ist orange!“

Recht hat er. Die Schüssel ist orange und sie steht in der Mitte unserer Stühle auf dem Boden. Hinter uns ist das Gemeindehaus, in dem wir uns zwei Mal in der Woche treffen. Heute ist unser Raum aus irgendeinem Grund zugesperrt und nachdem das Wetter halbwegs gut ist, sind wir ins Freie ausgewichen.
Ich öffne den Deckel der Schüssel. „Und was ist das?“
Ratlose Gesichter. So etwas hat noch keiner in der Runde gesehen. Was könnte das denn sein? Irgendeine weiße Masse mit vielen grünen Punkten – so viel ist sicher.
„Ich weiß es nicht“ gibt Musa schließlich zu.

Ich löse auf: „Das ist Quark!“
Ein Raunen geht um. Das ist also Quark. Quark, das mysteriöse Wort, das wir in den letzten zwei Stunden gelernt haben weil es ein Q beinhaltet. Quark, das sie zwar alle pflichtbewusst gelernt haben, das aber keiner in seine Heimatsprache übersetzen kann, weil es das Wort in den Sprachen schlichtweg nicht gibt.
Quark.
Schwierig auszusprechen ist es außerdem, wie so viele deutsche Wörter.

Der Inhalt der beiden Brotzeitdosen stellt dagegen kein Problem dar. Karotte und Paprika – beides wird schnell und richtig erkannt. Ich schnappe mir ein Karottenstück und zeige den Jungs, wie man den Quark (mit Kräutern, denn das sind die grünen Punkte) dippt.
Und sie machen alle mit. Es scheint zu schmecken, denn den Rest der anderthalb Stunden verbringen wir fröhlich Rohkost-Quark knabbernd – und ganz nebenbei plaudern wir. Über LKWs, die vorbeifahren und was die Abkürzung eigentlich bedeutet – über Christoph 17, der zwischendurch vorbeifliegt. Über Fahr- und Flugzeuge im Allgemeinen. Über das Wetter, Wolken, Sonne, Regenbogen und Gewitter.
Und ganz nebenbei, fast unbemerkt, kreist die Schüssel und die Brotzeitdosen.
„Gibst du mir bitte die Karotten?“ – „Ja, natürlich.“

Am Ende der Stunde ist eines klar: „Quark“ wird keiner mehr vergessen.

Zweimal wöchentlich bringe ich Flüchtlingen die deutsche Sprache bei. Zeit, die gut investiert ist: Flüchtlinge wollen und sollen sich integrieren – aber wer die Sprache nicht spricht, kann das nicht.
Zeit, die vor allem deshalb gut investiert ist, weil es wahnsinnig viel Spaß macht.

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